4/2019: "Befreiungstheologien. Fortschreibungen"

Abbildung: www.wort-und-antwort.de

[10.08.2019] Was vorkonziliar mit Aktivisten wie dem (stark von Dominikanern beeinflussten) kolumbianischen Priester und Guerillero Camillo Torres (1929-1966) begann und mit dem „Katakombenpakt“ 1965 erstmals einen Teil der katholischen Hierarchie herausforderte, wurde mit der Neubestimmung des Kirche-Welt-Verhältnis im Vaticanum II auf eine kirchlich breite Basis gestellt: die Option für die Armen. Die erste Reise eines Papstes nach Lateinamerika 1968, die zweite Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) in Medellín, Kolumbien, im selben Jahr, die von Gustavo Gutiérrez 1971 vorgelegte Publikation „Teología de la liberación“, die zum namensgebenden Referenzwerk werden sollte – all diese Ereignisse markieren den Weg, welchen der Ansatz einer befreienden Theologie genommen hat. Zugleich mussten sich die Vertreter*innen der Befreiungstheologie vieler Widerstände seitens der kirchlichen Hierarchie erwehren; erinnert sei an die zweifache Verurteilungen der Theologie der Befreiung durch den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger, 1984 und 1986, an die römischen Maßregelungen einzelner Theologen wie z. B. die des Brasilianers Leonardo Boff OFM 1985 und 1991 und die ganzer Gruppen. 

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach diesen Ereignissen, ist es kaum noch möglich, von befreiender Theologie im Singular zu sprechen: Befreiungstheologien aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten werden auch in Europa mehr und mehr wahrgenommen. Zugleich zeigt sich in diesen eine Erweiterung des ehemals römisch-katholischen Charakters der Theologie der Befreiung auf protestantische Kirchen hin. Neben solchen regional ausdifferenzierten Theologien wären weitere Ansätze wie die „Theologie des Volkes“ (von der sich Papst Franziskus maßgeblich geprägt zeigt), die U.S. Latino/a Theology (auch U.S. Hispanic Theology genannt) oder postkoloniale Theologien zu behandeln.

Angesichts des alles beherrschenden globalen Neoliberalismus’ ist die Rede von einem befreienden Gott heute mehr denn je herausgefordert. Das neue „Wort und Antwort“-Heft stellt sich dieser Aufgabe.

 

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Ulrich Engel OP präsentiert theologische Bausteine für eine pfarrerliche Spiritualität

Foto: Bistum Münster (Gruppe Fortbildung)

[06.11.2019] Auf Einladung der Fortbildungsabteilung des Bistums Münster leitete Prof. Dr. Ulrich Engel OP (Institut M.-Dominique Chenu Berlin / Phil.-Theol. Hochschule Münster) am 4.-5. November 2019 ein zweitägiges Follow up zum fünfteiligen Kurs "Führen und Leiten". Die Veranstaltung in Rheine richtete sich an Leitende Pfarrer und suchte mit ihnen theologische Bausteine für eine pfarrerliche Spiritualität zu erarbeiten. Unterstützt von Frau Dipl.-Päd. Barbara Kormann, TrEnt, Mitarbeiterin im Generalvikariat Münster (Gruppe Fortbildung), erarbeiteten sich die Teilnehmer persönliche Zugänge und biblisch gegründete Haltungen für ihre pastorale Tätigkeit. Engel präsentierte systematisch-theologische und Inputs, leitete mit Hilfe ganz unterschiedlicher Methodiken zu persönlichen Reflexionen, Gruppenarbeiten und pastoralpraktisch ausgerichteten Diskussionen über Identität und Spiritualität der Leitenden Pfarrer an. Thematisiert wurde in diesem Zusammenhang auch der massenhafte Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und schutzbefohlenen Erwachsenen durch Priester - oftmals Pfarrer - und die ihnen zugesprochene "Pastoralmacht" (Michel Foucault).

Engel referierte am ersten Tag der Fortbildung zur Identität und Spiritualität Leitender Pfarrer im Anschluss an die Sesamstraße. Dabei untersuchte er in etymologischer Perspektive das Wortfeld "Pfarrer"/"Pfarrei" und fragte nach dem "Wem", "Wo" und "Wie" der Nachfolge. Engel schlug abschließend des Inputs drei Perspektivwechsel hin zu einer dekonstruierten pfarrerlichen Identität vor: Diaspora statt Exodus, auctoritas statt potestas, und Situation statt Utopie. 

Ein zweiter Vortrag am nächsten Tag befasste sich mit Foucaults Theorie der Pastoralmacht und suchte vor diesem Hintergrund eine kommunikative und partizipative Form pastoralen Handelns im Anschluss an die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils zu beschreiben (GS 4, 11, 1 und 46). Eine bibeltheologische Besinnung zur Metapher des Gastseins/Gastgeberseins im Anschluss an einen Vortrag des ehemaligen Ordensmeisters der Dominikaner, Bruno Cadoré OP, rundete die Fortbildung ab.

 

Website der Gruppe Fortbildung im Bistum Münster >> 

 

 

 

 

Julia Knop und Ulrich Engel OP bestreiten Podiumsdiskussion in Goslar

Screenshot: Kath. Akademien in Deutschland

[31.10.2019] Die katholische Kirche steckt in einer ihrer schwersten Krisen, die sie allein zu verantworten hat. Amtsträger haben Tausende Kinder und Jugendliche sowie eine noch unbekannte Zahl katholischer Ordensfrauen sexuell missbraucht. Mit der Initiative „Strukturen des Missbrauchs überwinden“ haben sich die Katholischen Akademien im deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen, um die Debatten zum „Synodalen Weg“  zu forcieren. Sie laden dazu ein, über die tieferliegenden Ursachen dieser Krise offen zu diskutieren und vor allem Handlungsoptionen in die Überlegungen zur Aufarbeitung der Missbrauchskrise mit einzubringen.

In Institutionen etabliert sich Macht - oft unbemerkt - auch durch Strukturen und Arten der Kommunikation. Verbal wie nonverbal. Auf beiden Ebenen ist in der katholischen Kirche Macht missbraucht worden. Welche Rolle spielen Kommunikationsstrukturen, um Machtverhältnisse in der Kirche vor Anfragen zu schützen? Wie wird Machtmissbrauch kommunikativ vorbereitet und gestützt?

Im Rahmen der Initiative der Katholischen Akademien in Deutschland "Strukturen des Missbrauchs überwinden" hatte die Kath. Akademie des Bistums Hildesheim für den 30. Oktober 2019 Prof. Dr. Julia Knop (Kath.-Theol. Fakultät der Universität Erfurt, Lehrstuhl für Dogmatik) und Prof. Dr. Ulrich Engel OP (Institut M.-Dominique Chenu Berlin / Phil.-Theol. Hochschule Münster) zu einer Podiumsdiskussion nach Goslar geladen. Im dortigen Haus der Akademie diskutierten die beiden Akteure - moderiert von Birgit Kolkmann (DeutschlandRadio Berlin) - über die Phänomene Hierarchie und Macht und fragten in besonderer Weise nach der Rolle der Sprache in diesem Zusammenhang.

Engel berief sich in seinem Eingangsvortrag v.a. auf den französischen Philosophen Michel Foucault († 1984), der Zeit seines Lebens Phänomene der Macht untersucht hat. In interessierte dabei die Ermächtigung und Subjektwerdung der Menschen. Eine besondere Machtform, mit der Foucault befasst war, ist die „Pastoralmacht“. Im Typus des Hirten (= Pastor) hat sie auch ihren Platz in der Kirche: schillernd zwischen Fürsorge und Kontrolle. Drei Prinzipien kennzeichnen die Pastoralmacht: 1. das Prinzip der Unterwerfung (d.h. die Macht der Führung der Herde und des einzelnen Schafs funktioniert nur, wenn die Herde als Ganze und jedes einzelne Schaf den Hirten als Hirten anerkennt und sich durch ihn führen lassen will); 2. das Prinzip der Fristlosigkeit der Unterwerfung (Dauerhaftigkeit), und 3. das Prinzip der Unterwerfung unter Lehre und Wahrheit (hierbei geht es immer auch um die Vorbildfunktion der Hirten, die im Rahmen des massenhaften Missbrauchs durch Kleriker zerstört worden ist. Von dieser mit Foucault gewonnen Analyseposition plädierte Engel dafür, wirklich demokratische Strukturen - orientiert an der 800 Jahre alten, amtskirchlich anerkannten Verfassung des Dominikanerordens - in die Gesamtkirche zu implementieren.

 

Programm der Veranstaltung (pdf) >> 

Bericht über den Abend auf der Website der Kath. Akademie Goslar >>  

Bericht über den Abend auf der Website des Bistums Hildesheim >>

Link zum Bericht der "Goslarschen Zeitung" >> 

 

 

 

 

 

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Lehrveranstaltungen WS 2019/20


PTH Münster
• HS (M19): Politische Philosophie und die "Neue Rechte" (Engel) >>
 
Universität Potsdam
HS: Orden - eine zeitgemäße Lebensform? (Eggensperger / Engel) >>
 
KU Eichstätt-Ingolstadt
VL/Ü: Kirche und Stadt. Sozialethische Erwägungen (Eggensperger) >>
 
Universität Hannover
Seminar: Gott und Wahrheitsfrage. Zu Michel Foucault (Eggensperger) >>
 
Universität Vechta
• VL: Ethik der Nachhaltigkeit: Wirtschaftsethik (Eggensperger) >>
• Seminar: Glaube und Moderne - Kirche und Stadt (Eggensperger) >>
 
Universität Innsbruck
• Diverse Lehrveranstaltungen (Bauer) >>
 
 
 

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