Ulrich Engel OP diskutiert über Foucaults Begriff der Pastoralmacht

 

Foto: Ulrich Engel OP

[30.05.2022] Ende 2021 ist im Echter Verlag (Würzburg) der Sammelband “Macht und Kirche” erschienen. In ihm haben zahlreiche Autor*innen - unter ihnen Prof. Dr. Ulrich Engel OP (Institut M.-Dominique Chenu Berlin / Campus für Theologie und Spiritualität Berlin) - das Thema Macht und den Umgang der Kirche mit Macht beleuchtet. Die Buchverantwortlichen Ursula Hahmann und Dr. Valentin Dessoy laden in diesem Jahr zu einer ganzen Reihe von Lesungen ein. In einstündigen Videokonferenzen liest jeweils eine Autorin bzw. ein Autor aus ihrem/seinem Beitrag und steht für ein Gespräch mit der Herausgeberin und dem Herausgeber zur Verfügung. Das live ausgestrahlte Gespräch kann auch im Nachhinein über YouTube oder als Podcast abgerufen werden.

In der Lesung und Diskussionsbeitrag am 30. Mai 2022 referierte Engel mit seinem Beitrag „Reflektierte Unfügsamkeit“ (Michel Foucault). Ein Plädoyer für post-pastorale Machtverhältnisse in der Kirche". Seinen zweiten Beitrag zu dem besagten Sammelband, der unter der Überschrift "Leitung auf Zeit – Leitung durch Wahl. Über die demokratische Verfassung des Dominikanerordens im Blick auf ihre spirituelle und kirchenpolitische Relevanz" steht, wurde eher indirekt thematisiert. Im ersten Teil des gut besuchten Abendgesprächs stand der Begriff  der Pastoralmacht, wie ihn der französische Philosoph Michel Foucault ausgeprägt hat. Pastoralmacht meint somit die Macht des Pastors/Hirten zur Leitung der Herde: sammelnd, führend, ernährend, wachend, rettend, zur Rechenschaft verpflichtet. Fürsorgend und kontrollierend zugleich kümmert sich der Pastor/Hirt um seine Herde in Gänze (totalisierend und damit „potentiell totalitär“) und zugleich um jedes einzelne Tier (individuell). Ziel des pastoralen Handelns ist, das Heil anderer über Zeit und Raum hinweg zu sichern.   

Wichtig war Engel zu betonen, dass es nach Foucault keine machtfreien Räume gibt. Vielmehr haben wir es mit gesellschaftlichen Machtkonstellationen zu tun, die als pluriforme, polyzentrische und netzwerkartig-relationale Gebilde beschrieben werden können. Deshalb kann sich das Individuum in den Konstellationen der Macht immer auch kreativ verhalten und ist somit den disziplinartechnischen Selbst- und Gesellschaftsverhältnissen nicht ohnmächtig ausgeliefert. Im zweiten Teil kamen dann die sich daraus ergebenden Konsequenzen für einen anderen, humanen Umgang mit Macht in der Kirche zur Sprache. Auf das pastorale Machtprinzip der doppelten Unterwerfung unter Lehre und Individuum reagieren zunehmend mehr Kirchenglieder mit Verweigerung; „indocilité réfléchie“, „inservitude volontaire“ und „désassujettissement“ nennt Foucault diese kritische, die Anerkenntnis aufkündigende Haltung: „reflektierte Unfügsamkeit“, „freiwillige Unknechtschaft“ und „Entunterwerfung“. Mit solcherart veränderten Haltungen ist die pastorale Kunst der Menschenregierung massiv unter Druck geraten. Das Subjekt nimmt sich seitdem „das Recht heraus – so formuliert Foucault –, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin“. Auch das kirchlich noch praktizierende Subjekt befreit sich seit diesem Umbruch zunehmend mehr. Das wird derzeit überdeutlich! 

 

Zur Aufzeichnung des Gesprächs (YouTube, Podcast) auf der Website "Gedanken zur Macht" >>

  

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